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Roadtrek Zion auf Basis des Dodge RAM Promaster Foto: Hymer
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Caravan Salon: Pkw-Konzerne als Vorbild - Hymer setzt auf Plattformen

Die Erwin-Hymer-Gruppe ist ein Viel-Marken-Konzern wie Volkswagen, nutzt Synergien bisher aber nur unzureichend. Das soll sich ändern. In allen Belangen.

Seit eh und je betreiben die deutschen Reisemobil- und Caravanhersteller ein stark exportlastiges Geschäft. Wirkliche Global Player sind sie deshalb noch lange nicht. Denn die großen Märkte in USA und China, die für die hiesige Pkw-Industrie mittlerweile größer und wichtiger sind als das europäische Umfeld, sind für die reisemobile Freizeitbranche schwierige Pflaster. Der nordamerikanische Markt, weil er sich produktspezifisch völlig von den hier gängigen Dimensionen unterscheidet, und China, weil Caravaning dort noch ein zart blühendes Pflänzchen ist.
 
Martin Brandt, Vorstandschef der Erwin-Hymer-Gruppe (EHG) sieht trotz aller Probleme viel Potenzial. ,,Wir haben im vergangenen Jahr die kanadische Firma Roadtrek übernommen, die bei den Camper-Vans die Nummer eins in Nordamerika ist, und haben in einem Jahr bereits den Umsatz verdoppelt", berichtet er. Den dortigen Markt von Deutschland aus zu erschließen, sei viel zu schwierig. Die Kastenwagen-Modelle von Roadtrek basieren zwar auch auf dem Mercedes Sprinter und dem in Übersee als Dodge RAM Promaster vertriebenen Fiat Ducato. Doch gäbe es dort nicht die 3,5-Tonnen-Gewichtsproblematik wie hier, und es müssten jenseits des Großen Teichs für den Wunsch nach mehr Unabhängigkeit zusätzliche Wassertanks und möglichst auch ein Dieselgenerator an Bord sein.
 
Vertrieben werden die kompakten Reisemobile hauptsächlich an Ost- und Westküste, wo europäisches Design durchaus geschätzt wird. Und ein bisschen Nostalgie, das kennen wir noch aus den Beetle-Mania-Zeiten, mag man dort auch sehr gerne. ,,Deshalb werden als nächsten Schritt dort unter der Marke Hymer den ersten Caravan einführen. Und das wird unser Klassiker Eriba Touring sein", verkündet der EHG-Boss. Ein bemerkenswerter Schritt angesichts der in Amiland so beliebten XXL-Motorhomes.
 
In China ist die Lage noch schwieriger. Das Reisemobil-Geschäft steckt noch in den Kinderschuhen, wächst aber beständig, wie auch die von der Messe Düsseldorf in Peking ausgerichtete ,,All-in-Caravaning"-Ausstellung beweist. Anhängerbetrieb ist dort generell nicht erlaubt. Dennoch wird die Hymer-Gruppe demnächst 1.000 Wohnwagen nach China exportieren. ,,Die Chinesen bauen gerade mit rund 2.000 Campingplätzen eine entsprechende Infrastruktur auf. Und wir beliefern diese Einrichtungen mit Stand-Caravans", erläutert Martin Brandt den Deal.
 
Auch bei den Zukunftsthemen Elektromobilität und autonomes Fahren, die von dem überwiegenden Anteil der deutschen Caravan-Hersteller schlichtweg noch ausgeblendet werden, will der Chef der vielen Marken an vorderster Front mit dabei sein. Brandt: ,,Dethleffs zeigt gerade auf dem Caravan-Salon die Elektro-Studie e.home und soll in unserer Gruppe auch künftig die Kompetenzen in Sachen E-Mobilität bündeln. Und als erster Reisemobil-Hersteller weltweit haben wir die Zulassung bekommen, ein autonom fahrendes Fahrzeug im öffentlichen Straßenverkehr zu testen."  Dabei handelt es sich um einen Roadtrek Adventurous auf Mercedes-Basis, der in der Region südlich von Toronto ,,Wissen und Erfahrung für zukünftige Plattformen sammelt". Womit der EHG- sich unverkennbar an den großen Pkw-Konzernen orientiert. Es geht um eine neue Plattform- und Gleichteilestrategie.
 
,,Wir haben bisher die Stärke unserer Gruppe gar nicht ausgespielt, viel zu wenig Synergien genutzt", begründet Martin Brandt seinen Plan, für die neun Reisemobil-Marken zehn Plattformen zu definieren. Das schaffe nicht nur beim Einkauf Vorteile, sondern vereinfache auch die Arbeit der Entwicklungsingenieure. Im Wohnwagen-Bereich sollen sogar fünf Plattformen ausreichen. Welch einschneidende Maßnahme dies ist, verdeutlichen folgende Zahlen: Über alle Marken verteilt gibt es bisher rund 50 Reisemobil- und etwa 30 komplett eigenständig entwickelte Wohnwagen-Baureihen.
 
Dass es bei der Gleichteile-Strategie nur um nicht sichtbare Bauteile gehen kann, kennt man in ähnlicher Ausprägung aus dem Pkw-Bereich. Natürlich ist es unerheblich, wenn in einem Hymer-Reisemobil in der Küche etwa der gleiche Möbelkorpus verbaut wird wie in einem Laika, Bürstner oder Dethleffs, solange die Frontteile und das Design die markentypischen Merkmale verkörpern.
 
Ein zentraler Bestandteil der neuen Konzern-Struktur ist daher die Differenzierung der Marken und das Schärfen der jeweiligen Marken-Profile. Martin Brandt spricht von drei horizontalen Ebenen für die Einsteiger-, Mainstream- und Premium-Marken, wobei sich je drei Marken pro Ebene dann über den Kundenanspruch differenzieren. Bei den Einsteigern bedient Carado etwa eine konservative Kundschaft, die besonderen Wert auf Produktqualität legt. Die Schwestermarke Sunlight, die ebenfalls im sächsischen Neustadt vom Band läuft, ist mehr auf Flexibilität und Sportlichkeit ausgelegt, und die neue Marke Etrusco, deren Modelle im italienischen Laika-Werk produziert werden, steht für designorientierte Reisemobile.
 
In der mittleren Ebene findet man die Volumenmarken, von denen LMC die Traditionalisten bedient, Dethleffs vor allem getreu seinem Markenclaim ein ,,Freund der Familie" sein möchte und Bürstner eher den Freizeit-Aktivisten zugeordnet wird. Im Premium-Bereich gilt Laika als das Designerlabel, deckt die Kernmarke Hymer, als Einzelmarke in Europa die Nummer eins, sowohl den konservativen als auch den erlebnisorientierten Part ab. Liner-Spezialist Niesmann-Bischoff besitzt als Manufaktur, mit der es gewiss das geringste Synergie-Potenzial gibt, eine Sonderstellung.
 
 

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